Fotografie Haiko Hebig

Jenseits der Industrie­romantik

Andreas Rossmann

Das Ruhrgebiet ist das Gegenteil dessen, was im Zusammen­hang mit der Kultur­hauptstadt 2010 gezeigt wurde.
Feridun Zaimoglu
 

Stahl und Stadt, das stab­reimt sich. Im Ruhr­gebiet stehen sie noch näher beiei­nander als im Alpha­bet. Unzer­trennlich, von Anfang an. Doch nicht gleich­berechtigt, nicht auf Augen­höhe, viel­mehr in ständiger Spannung, konfron­tativ, konflikt­reich. Erst war die Industrie, waren Kohle und Stahl; und die, ihre Förde­rung und Produk­tion, zogen alles weitere nach: Straßen, Kanäle, Schienen, Brücken, Rohr­leitungen, Arbeiter, Häuser, Siedlungen, Verwaltungs­gebäude, Kirchen, Schulen, Kneipen, Sportplätze, Gärten, Grün­anlagen. Urbanität? Städte­bau­licher Wild­wuchs, bis heute. „Im Anfang war die Zeche“, „die Zeche gründete die Siedlung“, „die Siedlung wuchs und wurde Stadt“ schreibt Heinrich Hauser 1930 in „Schwarzes Revier“. Der Stahl beherr­schte und bedroh­te die Stadt, kontrol­lierte sie, beutete sie aus. Nicht umge­kehrt. Die Reihen­folge wider­spricht der Regel (auch der des Alpha­bets): Dieses Verhältnis bestimmte die Verhältnisse. Auch dann noch, als die Produk­tion aus der Fläche zurückgezogen und am Rhein konzentriert wurde. Bis heute ist das nicht zu übersehen.

Stahl und Stadt. Die Fotogr­afien von Bernd Langmack und Haiko Hebig gehen dieser Beziehung nach. In zwei Städten, Duisburg und Dortmund, den „Flügel­städten“ im Westen und Osten des Reviers. In Duisburg betreibt Thyssen-Krupp eines der größten Hütten­werke der Welt, eine Stadt in der Stadt, die sich, oben im Norden, kilometer­lang am Rhein entlang­zieht und den Ortsteil Bruck­hausen vom Fluss abschnei­det: Aus einer Kokerei, drei Sinter­bändern, vier Hochöfen und zwei Oxygen­stahl­werken mit fünf Konvertern besteht derzeit die Thyssen­hütte; im Jahr 2010 hat sie fast neun Milli­onen Tonnen Roh­stahl erzeugt. Die Anlage wird ständig modernisiert, ihre Produk­tivität immer weiter gesteigert, die Beleg­schaft gleich­zeitig reduziert. Der Stadt­teil gegenüber blutet aus, ganze Straßen­züge mit Werks­wohnungen wurden bereits abgerissen.

Dortmund war lange der zweite Stand­ort der Stahl­produktion im Ruhr­gebiet, bis sie 2001 einge­stellt wurde und seitdem ganz in Duisburg statt­findet. Krupp übernahm 1992 Hoesch und fusio­nierte später zu Thyssen-Krupp. Mitte der sechziger Jahre arbeiteten bei Hoesch mehr als vierzig­tausend Menschen, fünfmal so viele waren mittelbar von dem Konzern abhängig. Heute sind es im Kalt­walz­werk, der Feuer­beschichtungs­anlage und der elektro­lytischen Verzinkung noch 1.400 Beschäf­tigte. Von den Hoesch-Warm­betrieben haben nur zwei Unter­nehmen der Stahl­verar­beitung, eine schwere Profil­straße und das Ring­walzwerk Rothe Erde, überlebt. Konzen­trations­prozesse, die das Ruhr­gebiet – und die beiden Städte – (weiter) aus der Balance gebracht haben. Wie sehr, wie drama­tisch und mit welchen sozialen und städte­baulichen Problemen – davon erzählen die Fotogra­fien von Bernd Langmack und Haiko Hebig.

Huckarder Straße
Huckarder Straße, Dortmund
Dortmund, Germany
Haiko Hebig

Stahl und Stadt in Dortmund. Was Werk und Wohnen, Maschinen und Menschen hier nur noch ver­bindet, ist ihre Abwesen­heit. Hebigs Bilder sind leer: Nichts und niemand mehr da. Wo einst Hochofen 7 der Westfalen­hütte glühte, ist Öd­land. Hinter dem Borsigp­latz tut es sich auf, siebenmal so groß wie die Innen­stadt. Die Huckarder Straße lässt sich nicht mehr durch­fahren, ein Zaun steht im Weg, keine neuen Plakate auf den Werbe­tafeln heißt kein Verkehr und keine Passanten mehr. Teer­wüsten sind an die Stelle von Produktions­stätten getreten, triviale Shopping-Architektur bestimmt die „Neue Mitte Eving“. Öffentl­iche Plätze haben die Anmu­tung und Aufenthalts­qualität von Hinter­höfen, der „Bürgerpark Gneisenau“ sieht – trügerischer Gleich­klang – aus wie ein Park­platz. Dortmund verfügt in zentraler Lage über etwa tausend Hektar Brachen, die bis an den Rand der Innen­stadt reichen. Unüber­sehbar, aber kaum wahr­genommen, prägen sie das Stadt­bild stärker als alles, was die bunten Image­broschüren des „Neuen Dortmund“ füllt. Narben, Nicht­orte, unwirt­liche Areale. Ihre Gegen­wart bezeugt eine Vergangen­heit, die für immer verschwun­den ist, und weist auf eine Zukunft, die erst noch gefunden werden muss.

Stahl und Stadt: „Ansichten über die Wirk­lich­keit des Ruhr­gebiets“ lautet der Unter­titel dieser Publi­kation, deren Fotogra­fien zuerst im Hoesch-Museum Dortmund gezeigt wurden. „Ansichten“ im doppelten Wort­sinn: Abbil­dungen und Meinungen. Die Europäische Kultur­haupt­stadt Ruhr 2010 wollte sie, so oder so, nicht wahr­nehmen und nicht wahr­haben: „Wir wollen mit starken und frischen Bildern gegen das veral­tete, standort­schädigende Image (des Ruhr­gebiets) vorgehen“, hatte Fritz Pleitgen im Herbst 2009 als Richtung ausgegeben. Die „alte“ Industrie, die noch im Verschwin­den ihre Präge­kraft beweist, wurde visuell ausgegrenzt, unter­schlagen, zum Mythos (v)erklärt. Kultur­politik als Verdrän­gung, Image­konstruktion und Wunsch­konzert. Austauschbar.

Stahl und Stadt. Man muss die Wirk­lich­keit des Ruhr­gebiets, die Bernd Langmack und Haiko Hebig in ihren Fotogra­fien zur Ansicht bringen, nicht billigen oder schön finden. Aber man muss sie wahr­nehmen, wenn man das Ruhr­gebiet verändern will.

 
Erschienen als Nachwort im Buch Stahl+Stadt und unter dem Titel „Deutschlands Zukunft wohnt hier nicht mehr“ in der FAZ.

This text in English