Rheinpreussen, Wagner, Koppers, Uhde
Kaum eine Quelle liefert so vielfältige Einsichten in das Selbstverständnis eines Unternehmens und seine Zeit wie Jubiläums- und Festschriften. Vier neue auf dem Bücherstapel:
Volkmar Muthesius: Hundert Jahre Bergbau am linken Niederrhein - Rheinpreussen AG für Bergbau und Chemie Homberg/Niederrhein 1857-1957, Verlag Hoppenstedt Wirtschafts-Archiv GmbH, Darmstadt 1957, antiq.
Mit Ruth Hallensleben schickte Hoppenstedt hier die Fotografin zur Rheinpreussen AG, die im Dritten Reich für den gleichen Verlag das Bildmaterial für die Werkzeitschrift der Vereinigten Stahlwerke lieferte und sich so einen Namen als Industriefotografin machte. Ihre Fotos von über und vor allem unter Tage flossen zusammen mit einigen Kohleskizzen, Diagrammen, technischen Zeichnungen und Goethe- und Schiller-Zitaten in ein Buch, in dem der durch den Dauerbrenner "Du und der Stahl" bekanntgewordene Wirtschaftsjournalist Volkmar Muthesius die Sonderstellung von Rheinpreussen hervorhebt. Die habe erst aus einer Spitzenstellung bei der früh begonnenen Mechanisierung und Rationalisierung des Kohlenabbaus bestanden und dann aus dem verstärkten Setzen auf die Kohlechemie und den Mineralölvertrieb, zu dem in den 50er Jahren auch etwa 800 Tankstellen gehörten.
Rheinpreussen erreichte seine höchste Förderung von 4,7 Millionen Tonnen Steinkohle im Jahr 1966. Das eigenständige Unternehmen hatte zu diesem Zeitpunkt fast 10.000 Beschäftigte. Zwei Jahre später erfolgte die Einbringung in die Ruhrkohle. 1993 wurde die Förderung eingestellt. Die chemischen Werke in Moers werden von Sasol weiterbetrieben.
Paul Hermann Mertes: 75 Jahre Wagner & Co. Werkzeugmaschinenfabrik m.b.H. Dortmund 1865-1940, Dortmund 1940, antiq.
Das Papier ist holzig, die Mitarbeiter heißen Gefolgschaftsmitglieder und ganz hinten sind zwei Gaudiplome abgebildet. Ansonsten deutet bei dieser faktenreichen und sachlich geschriebenen, reich bebilderten und mit einem zusätzlichen aufwendigen Bildteil versehenen Festschrift fast nichts darauf hin, daß sie mitten im Krieg herausgegeben wurde. Ohne Pathos wird hier die Entwicklung der ersten reinen Maschinenfabrik Dortmunds geschildert, die auf die Harkort- und Kampschen Aktivitäten in Wetter zurückging und im vormals durch und durch schwerindustriell genutzten Dortmunderfeld zuletzt unter Thyssen bis fast in die Gegenwart überdauerte. Heute werden die Gebäude von der Firma Miebach genutzt, die dort Schweißmaschinen herstellt und elektrische Aggregate wartet.
Koppers - Ein halbes Jahrhundert im Dienste der Kohleveredelung 1901-1951, Heinrichs Koppers GmbH, Essen 1951, antiq.
Der Leineneinband schlicht-schwarz mit Prägedruck auf der Front und einem Streifen Blattgold auf dem unbeschriftetem Rücken - ist jemand gestorben? Ja, der Firmengründer Heinrich Koppers, dem hier geradezu kultische Verehrung zuteil wird. Über die von seiner Firma entwickelten Verfahren und gelieferten Anlagen erfährt man in den Lücken zwischen den Ergebenheitsbekundungen für den lieben Führer. In zeitlosem Schriftsatz, mit amtlichen Fotografien, auf festem Papier und "nach den Weisungen des Vorsitzenden Geschäftsführers".
Ingenieure planen die Zukunft - UHDE, Econ-Verlag, Düsseldorf 1970, ISBN 3-430-14950-9, antiq.
Hier sieht man Ingenieure am Zeichenbrett, beim Spielen mit Anlagenmodellen und in Messwarten bei der Inbetriebnahme neuer Werke. Keiner ragt heraus, keiner wird - mit Ausnahme des Gründers Friedrich Uhde - namentlich genannt, auch nicht der Autor, nichtmals der Anlass der Veröffentlichung - wohl das 50-jährige Bestehen dieser Dortmunder Firma - wird erwähnt. Alles ist auf das Schaffen des Ingenieurs konzentriert, dessen Ergebnis, großtechnische chemische Anlagen, in einer großen Farbbildstrecke präsentiert werden.
Wie eigentlich immer an der Ruhr hatten auch hier alle mit allen zu tun: Koppers, zwischenzeitlich an Krupp gefallen und 1937 auf Rheinpreussen Erbauer der ersten Anlage zur Erzeugung von Synthesegas aus Steinkohle, gehört seit 1996 zu Uhde. Später kamen über Thyssen EnCoke mit Still, Otto und Didier die drei anderen großen deutschen Kokereianlagenbauer hinzu. Uhde gilt als einer der weltweit führenden Anlagenbauer. Erst im vorherigen Jahr konnte das Unternehmen seinen bisher größten Auftrag einfahren.