Fluchtraum der Geschichte
Die Begeisterung für die Frauenkirche ist zwar beeindruckend, doch richtet sie sich ausschließlich auf das Gewesene. Und verstärkt damit bei allem Positiven doch auch etwas Befremdliches: den Hang vieler Deutscher, sich kulturpessimistisch vom Heute abzuwenden und in der schönen Vergangenheit zu verkriechen. Das allgemeine Verlangen nach Replikaten wie der Frauenkirche wächst; in Berlin, Potsdam, Braunschweig, überall sollen zerstörte Schlösser und Kirchen wieder entstehen. Oft aber geht es dieser Liebe für das Alte nicht um das historische Zeugnis, sondern um den Anmutszauber und den Fluchtraum der Geschichte. Anders ist nicht zu erklären, dass vielerorts vorhandene Bauwerke verfallen, klassizistische Herrenhäuser ebenso wie barocke Dorfkirchen, während gleichzeitig mit viel Geld verschwundene Bauten rekonstruiert werden. Fast meint man, die liebsten Bauwerke der Deutschen seien die untergegangenen.
Eben von dieser Vergangenheitslust, die zugleich Gegenwartsscheu ist, zeugt auch die Frauenkirche. Dabei ließe sich gerade an ihrem Beispiel ein neuer Optimismus lernen. Die Zeit um 1700 war, ähnlich wie heute, eine Zeit radikaler Wandlungen. Nur dass man sich damals zutraute, diesem Wandel auch Gestalt zu geben. Hätte August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, ähnlich zukunftsängstlich geplant wie unsere Gegenwart, keines der erstaunlichen Bauwerke des barocken Dresdens wäre entstanden.
Share this entry via email - on Twitter - on delicious