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Die Schule der Angst

Überwachung und Paranoia prägen den Alltag in New York. Bericht von Francine Prose aus einer Stadt im dauernden Alarmzustand in DIE ZEIT:

Die meisten Amerikaner, die ihr Flugzeug erreichen wollen, haben gelernt, dass sie den Mund halten und gehorchen sollten, wenn man sie auffordert, ihre Schuhe und Gürtel abzulegen. Sie haben sich auch daran gewöhnt, dass Sicherheitsleute ihr Gepäck durchwühlen und ihre Unterwäsche begrapschen. Sie werden nicht protestieren (so wie ich nicht protestierte), wenn sie sehen (wie ich vor einigen Monaten sah), dass ein verängstigtes siebenjähriges Mädchen durchsucht wird und mit einem elektrischen Schlagstock bedroht wird, weil es das Verbrechen begangen hat, gegen den Flughafen-Metalldetektor zu stoßen und ihn in Gang zu setzen. Wenn sie doch protestieren, wie mein Mann es tat, werden sie darüber belehrt, wie er belehrt wurde, dass solche drastischen Maßnahmen notwendig sind, weil die Terroristen demnächst kleine Mädchen als Selbstmordattentäter einsetzen werden. [...]

Die Begründung für derartige Absurditäten lautet - und daran werden wir ständig erinnert -, dass wir vor künftigen Anschlägen geschützt werden müssen. Die liberaler gesinnten oder einfach mutigeren Zeitgenossen unter uns, die lieber das Risiko einer "laxen" Sicherheitslage in Kauf nehmen würden, als so weiterzuleben, werden vermutlich durch das häufig wiederholte Argument auf Linie gebracht, es gebe keinen Mittelweg zwischen racial profiling (einer Fahndung, die bestimmten Rassenmerkmalen folgt) und dem Durchsuchen von Siebenjährigen. [...]

Aber glauben die Amerikaner das? Wir sind uns völlig klar, dass unsere Freunde es nicht glauben, doch sonst tappen wir im Dunkeln. Wir trauen unseren Medien nicht mehr; wir wissen nicht, wie wir all die zweifelhaften Umfragen und manipulierten Erhebungen interpretieren sollen. Und natürlich sind einige hellsichtige Amerikaner schon seit längerem zu dem Schluss gekommen, dass es bei diesen restriktiven, überzogenen und oft lächerlichen Maßnahmen weniger darum geht, Terror zu vereiteln, als darum, die eigene Bevölkerung auf eine Weise einzuschüchtern, die der Bush-Regierung politisch nützt.

"Nichts davon hat wirklich mit Terroristen zu tun", sagte eine Freundin, die gerade aus Europa zurückgekehrt war, wo sie an etwas erinnert wurde, was sie bereits vergessen hatte: dass es möglich ist, einen gewöhnlichen Tag zu bewältigen, seinen Geschäften nachzugehen und sogar zu reisen, ohne die tägliche Dosis Verdacht, Angst und Demütigung verkraften zu müssen. "Es geht um uns; es geht darum, uns gehorsam und ängstlich zu machen."

Aber diese Erkenntnis verlangt eine gewisse Unabhängigkeit und Schärfe des Denkens - Eigenschaften, welche der Regierung nicht behagen, weil sie lieber möchte, dass wir uns fürchten, anstatt zu denken. Denn der Terror ist im Interesse der Republikaner. Immer dann, wenn wir einem Wachtposten gegenüberstehen oder unsere Ausweise zeigen sollen oder gezwungen werden, eine Durchsuchung über uns ergehen zu lassen, werden wir daran erinnert, dass wir "im Krieg" sind, in einem fortwährenden Belagerungszustand, dass wir also gute Gründe haben, uns zu fürchten, und dass wir unsere Regierung - besonders die derzeit amtierende Regierung - zu unserem Schutz brauchen. [...]

Da wir angeblich in diesem endlosen "Kriegszustand" leben und da uns ständig gesagt wird, es sei "unpatriotisch", Fragen zu stellen und Protest anzumelden, halten es nur wenige der prominenten Amerikaner - und so gut wie keiner unserer Politiker - für nötig, auszusprechen, dass viele dieser Regierungsmaßnahmen und im Grunde genommen dieser ganze neue Lebensstil den Verfassungsgrundsätzen der Vereinigten Staaten und unserer Bill of Rights direkt widersprechen. Diese hervorragend durchdachten, visionären Dokumente sind der Erhaltung und Förderung von "Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück" gewidmet: drei Werte, die von den neuen Gesetzen und Sicherheitsprozeduren weder befördert noch verbessert werden; sie werden im Gegenteil durch das tägliche Quantum an Irrationalität und unverhohlenem Wahnsinn, mit dem wir fertig werden müssen, ernsthaft gefährdet. [...]

Der Mann bringt auf den Punkt, warum meine Begegnung mit dem Polizisten vor dem städtischen Verwaltungsgebäude (und alle ähnlichen Erfahrungen, die New Yorker mehr oder weniger täglich machen) so empörend, demoralisierend und deprimierend war. Ich wurde verdächtigt, mir wurde misstraut, ich musste beweisen, dass ich nicht vorhatte, eine schreckliche Gewalttat zu verüben, während meine Harmlosigkeit die ganze Zeit auf der Hand lag. Ich wurde eingeschüchtert und dazu gebracht, mich einer sinnlosen Autorität zu beugen, ich wurde gezwungen, meine natürlichen Regungen, meine Vernunft, meinen gesunden Menschenverstand, meine Ideen von Gerechtigkeit und Anstand zu unterdrücken. Ich erhielt eine Lektion in der neuen, staatlich geförderten "Schule der Angst und des Gehorsams".

Die Schule der Angst
Von Francine Prose in DIE ZEIT

Im Projektraum Fotografie

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3. September ab 18 Uhr
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Am 3. September im Rahmen der Neuen Kolonie #2 im Projektraum Fotografie