"Zwei Dinge liefen in den neunziger Jahren falsch. Erstens wurden die professionellen Standards der Unternehmensführung ausgehöhlt, und zweitens nahmen die Interessenkonflikte auf dramatische Weise zu. Beides ist lediglich Symptom eines umfassenderen Problems: der Glorifizierung von Gewinn - egal, auf welchem Wege er erreicht wird.
Hinter dieser blinden Jagd nach Geld stand letztlich der Glaube, der Allgemeinheit sei am besten gedient, wenn man den Menschen erlaube, ihr eigenes Interesse zu verfolgen. Im 19. Jahrhundert nannte man das Laissez-faire, aber weil die meisten heutigen Anhänger dieser Theorie kein Französisch sprechen, nenne ich es etwas zeitgenössischer Marktfundamentalismus. Diese Bewegung gewann um 1980 die Oberhand, als Ronald Reagan amerikanischer Präsident und Margaret Thatcher britische Premierministerin wurde. Der Marktfundamentalismus zielt darauf ab, Regulierungen und andere Formen staatlicher Interventionen sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene abzubauen. Die weltweite Liberalisierung der Finanzmärkte ist einer seiner größten Erfolge.
Der Marktfundamentalismus ist eine falsche und gefährliche Ideologie. Erstens stellt er private und öffentliche Interessen auf eine Stufe. Damit wird das egoistische Streben nach dem eigenen Besten, das angeblich zur bestmöglichen Welt für alle führt, mit einer moralischen Qualität aufgeladen.
Tatsächlich sind Märkte jedoch komplett amoralisch - und zwar in dem Sinne, dass moralische Erwägungen sich nicht in den Preisen niederschlagen. Selbst wenn manche Marktteilnehmer von moralischen Skrupeln gebremst werden, stehen immer andere bereit, die für sie einspringen. Auch Moralisten können nicht verhindern, dass Alkohol- und Tabakfirmen sich ihr Geld am Kapitalmarkt zu denselben Konditionen besorgen wie weniger "sündige" Firmen.
Zweitens versteht der Marktfundamentalismus nicht, wie Finanzmärkte wirklich funktionieren. Diese pendeln sich eben nicht in einem Gleichgewicht ein, das dann für die optimale Allokation der Ressourcen sorgt. Das kollektive Verfolgen des eigenen Interesses führt eben nicht zu größerer ökonomischer Stabilität, sondern, wie wir es derzeit erleben können, zu enormer Instabilität.
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Im letzten Börsenhype ließ sich die Mehrzahl der Anleger einfach mitreißen. In diesen Sog gerieten selbst Leute, die nie zuvor in Aktien investiert hatten. Die privaten Interessen der Shareholder waren auf einmal wichtiger als alles andere. Dieser Überschwang war nicht völlig irrational. Aber als die Fundamentaldaten nicht mehr mit den Erwartungen Schritt halten konnten, wurde die Entwicklung unhaltbar.
An dieser Stelle hätten ethische und professionelle Standards die Abwärtsspirale unterbrechen können. Der von Natur aus amoralische Markt kann diese Standards nicht liefern. Deshalb muss sich das öffentliche Interesse auf andere Weise Gehör verschaffen.
Die Marktfundamentalisten aber haben es geschafft, sich selbst und andere davon zu überzeugen, dass es das eigentliche Ziel der Politik sein müsse, Märkte von staatlichen Regulierungen zu befreien. Dadurch entstehe Effizienz und Wachstum. Sie verweisen immer wieder auf das Scheitern des Sozialismus in all seinen Spielarten. Dieses Argument aber basiert auf einer falschen Logik. Dass Regulierungen nicht immer optimal funktionieren, bedeutet nicht, dass Märkte, die sich selbst überlassen sind, automatisch perfekt sind. In Wahrheit sind alle menschlichen Konstrukte, auch Märkte, unvollkommen. Die Fundamentalisten liegen also falsch: Sie nehmen für sich in Anspruch, die ultimative Wahrheit gefunden zu haben.
Natürlich ist es unrealistisch, zu glauben, alle Marktteilnehmer ließen sich plötzlich zur Ethik bekehren. Doch die öffentliche Meinung und der öffentliche Diskurs können das individuelle Verhalten dramatisch beeinflussen - das haben wir in den neunziger Jahren erlebt. Die Amerikaner müssen wieder den Unterschied lernen zwischen einer Ansammlung von Individuen, die alle ihrem beschränkten Eigeninteresse hinterherlaufen, und einer Gesellschaft von Menschen, die vom öffentlichen Interesse geleitet wird. Davon könnte abhängen, ob dieses Land und mit ihm die Welt zu ökonomischer Stabilität und Wohlstand zurückfindet."
Der komplette Artikel erschien am 2. September unter dem Titel "Busted: Why The Markets Can't Fix Themselves" in "The New Republic" und kann auf soros.org in der Originalfassung gelesen werden. Die Zeit liefert die deutschsprachige Übersetzung. Link via vowe.
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