George Soros: Abgesang auf den Laissez-faire
"Zwei Dinge liefen in den neunziger Jahren falsch. Erstens wurden die professionellen Standards der Unternehmensführung ausgehöhlt, und zweitens nahmen die Interessenkonflikte auf dramatische Weise zu. Beides ist lediglich Symptom eines umfassenderen Problems: der Glorifizierung von Gewinn - egal, auf welchem Wege er erreicht wird.
Hinter dieser blinden Jagd nach Geld stand letztlich der Glaube, der Allgemeinheit sei am besten gedient, wenn man den Menschen erlaube, ihr eigenes Interesse zu verfolgen. Im 19. Jahrhundert nannte man das Laissez-faire, aber weil die meisten heutigen Anhänger dieser Theorie kein Französisch sprechen, nenne ich es etwas zeitgenössischer Marktfundamentalismus. Diese Bewegung gewann um 1980 die Oberhand, als Ronald Reagan amerikanischer Präsident und Margaret Thatcher britische Premierministerin wurde. Der Marktfundamentalismus zielt darauf ab, Regulierungen und andere Formen staatlicher Interventionen sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene abzubauen. Die weltweite Liberalisierung der Finanzmärkte ist einer seiner größten Erfolge.
Der Marktfundamentalismus ist eine falsche und gefährliche Ideologie. Erstens stellt er private und öffentliche Interessen auf eine Stufe. Damit wird das egoistische Streben nach dem eigenen Besten, das angeblich zur bestmöglichen Welt für alle führt, mit einer moralischen Qualität aufgeladen.
Tatsächlich sind Märkte jedoch komplett amoralisch - und zwar in dem Sinne, dass moralische Erwägungen sich nicht in den Preisen niederschlagen. Selbst wenn manche Marktteilnehmer von moralischen Skrupeln gebremst werden, stehen immer andere bereit, die für sie einspringen. Auch Moralisten können nicht verhindern, dass Alkohol- und Tabakfirmen sich ihr Geld am Kapitalmarkt zu denselben Konditionen besorgen wie weniger "sündige" Firmen.
Zweitens versteht der Marktfundamentalismus nicht, wie Finanzmärkte wirklich funktionieren. Diese pendeln sich eben nicht in einem Gleichgewicht ein, das dann für die optimale Allokation der Ressourcen sorgt. Das kollektive Verfolgen des eigenen Interesses führt eben nicht zu größerer ökonomischer Stabilität, sondern, wie wir es derzeit erleben können, zu enormer Instabilität.